Wer sind eigentlich diese Antideutschen?!?

„Nie! Nie! Nie wieder Deutschland“ – eine gängige Parole auf linken und antifaschistischen Demos. Aber was soll diese Parole eigentlich bedeuten? Wieso der spezielle Bezug auf Deutschland?

Die explizite Gegenerschaft gegen Deutschland – in welcher Form auch immer – wird als antideutsch bezeichnet. Die resultierende Gruppe der Vertreter_Innen dieser Position sind somit die ‚Antideutschen‘. Der zentrale Inhalt besteht in der Gegenerschaft der Antideutschen gegen einen spezifisch-deutschen Nationalismus. Dieser müsse als Lehre des dritten Rechs bekämpft werden. Die Antideutschen richten sich also gegen den deutschen Nationalstaat und insbesondere gegen eine Identifizierung der Bevölkerung mit diesem Nationalstaats. Unter der Annahme, dass Nationalismus in Faschismus übergeht, kann die antideutsche Bewegung also auch als antifaschistisch bezeichnet werden.

Bevor es weiter um die Inhalte geht, hier ein kleiner Exkurs: Der Begriff ‚Antideutsch‘ wird ähnlich wie der Begriff ‚Gender-Mainstreaming‘ von rechtspopulistischen und christlich-fundamentalistischen Kräften der sogenannten ’neuen Rechten‘ instrumentalisiert und dabei uminterpretiert. Der Begriff ‚Antideutsch‘ ist also auch durch die Verwendungsweise und negative Konotation durch Rechtspopulisten beeinflusst und genießt dadurch vor allem in konservativen Kreisen kein hohes Ansehen: Sie stehen symbolisch für alle ‚links-grün-versifften Gutmenschen‘, Antifaschist_Innen oder Antinationalist_Innen. Der Begriff ‚Antideutsch‘ wird in dieser Verwendungsweise beispielsweise vom rechten YouTuber Hagen Grell genutzt, um linke Haltungen zu diffamieren. Auf diese begriffliche Neufassung soll nicht weiter eingegangen werden, aber mir erschien es wichtig, auf diese Neubesetzung und Uminterpretation des Begriffs durch konservative und rechtspopulistische bis rechtsextreme Kräte aufmerksam zu machen.

Klingt ja bisher alles ganz nett mit den Antideutschen: Gegen den Staat, gegen Staatlichkeit und vor allem gegen deutschen Nationalismus. So what?

 Für mich lassen sich drei wesentliche Punkte formulieren, die ich an der antideutschen Haltung stören. (Anmerkung: ‚DIE ANTIDEUTSCHE HALTUNG‘ schlechthin wird es wohl nicht geben, denn diese Bewegung besteht – wie jede andere Bewegung auch – aus vielen verschiedenen Akteur_Innen mit verschiedenen Ansichten. Ich möchte allerdings im weiteren einige Punkte aufgreifen, die ich als zentral für die Bewegung halte…)

1) Bedingungslose Solidarität mit Israel

Nicht das ich nicht nachvollziehen könnte, wie diese Forderung nach bedingungsloser Solidarität zustande kommt – sie ist als Konsequenz der Erfahrung des dritten Reiches zu verstehen und soll sicherstellen, dass die vertriebenen Juden vor dem weitverbreiteten Antisemitismus Schutz finden können. Aber eines sollte man doch aus der Geschichte gelernt haben: Bedingungslos ist nie gut. Bedingungslos heißt: Es gibt keine Bedingungen, keine Regeln, keinen Rahmen, keine Umstände. Bedingungslos sind Ideologien, bedingungslos ist Faschismus, Nationalismus, Patriotismus, Religion. Bedingungslos heißt: Egal was Israel tut, egal was passiert, wir sind solidarisch. Das ist inakzeptabel, vor allem vor dem Hintergrund der angespannten Lage im Palästina-Konflikt. Die Geschichte zu beachten bedeutet nicht, einem Staat – und das ist Israel in erster Linie – den Freibrief für jegliches Handeln zu geben.

2) Warum nur Deutschland?

Ich bin Antifaschist und Antinationalist. Nationalismus ist die Grundlage von völkischer Identifikation und es gibt geschichtlich und auch in der heutigen politischen Lage genug Beispiele für Konflikte, die aus patriotischer und nationalistischer Motivation entstanden sind. Aber warum denn AntiDEUTSCH? Wieso nur in Bezug auf Deutschland? Wenn Nationalismus per se etwas schlechtes ist, dann ist er natürlich auch in Deutschland etwas schlechtes. Diese Explizitmachung der Gegenerschaft gegen den deutschen Nationalismus ist somit irrelevant. Nationalismus ist immer Scheiße, egal wo. Aber das sehen die Antideutschen scheinbar auch anders. Amerika wird als Nation, in der der Patriotismus enorm ist, von antideutschen verteidigt. Für mich absolut inkonsequent. Die Deutschen haben doch nicht ein Gen, dass sie für Nationalismus und Faschismus prädestiniert und deswegen muss man nur hier achtsam sein.

3) Die Pervertierung der Kapitalismuskritik und struktureller Antisemitismus

Und ganz plötzlich ist Kapitalismuskritik nicht mehr links, sondern rechts. Nicht das wir uns falsch verstehen: Es gibt antisemitische und rechte Kapitalismuskritik à la „Die Juden nehmen uns mit ihrem Zins das Geld weg“. Aber das, was man so schön „strukturellen Antisemitismus“ nennt, würde ich hier doch gerne einmal kritisch beleuchten. Demnach sind bestimmte Themen per se antisemitisch, weil die Behandlung dieses Themas ja implizit antisemitische Inhalte transportieren würde. Und das ist vielleicht in einem bestimmten Rahmen richtig, wenn von Neuer Welt Ordnung oder Finanzjudentum gesprochen wird, aber es ist sicher ganz großer Käse, wenn die Linke sich plötzlich gegen Kapitalismuskritik wendet, weil ja jede Kritik am Kapital, am Geldsystem oder am Zins implizit antisemitisch sei. Ich kann Kapitalismuskritik üben und mich gegen Antisemitismus wenden, das ist kein Widerspruch. Ich kann den Staat Israel für dessen Siedlungspolitik kritisieren und gleichzeitig den Holocaust verabscheuen und mich dafür engagieren, dass Faschismus keinen Platz in unserer Gesellschaft findet. Und ich kann auch Eliten kritisieren und dennoch habe ich mit Antisemitismus oder Verschwörungsideologien nichts am Hut. Denn linkes Gedankengut entstand historisch gesehen aus der Analyse von Elitenstrukturen zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Wenn diese Kritik per se als antiamerikanistisch oder antisemitisch abgestempelt wird, dann bleibt von der linken Haltung nicht mehr viel übrig. Auch hier ist Genauigkeit wichtig: Wenn eine Gleichsetzung von Judentum und Elite stattfindet, dann ist das tatsächlich antisemitisch. Aber deswegen ist nicht jede Elitenkritik gegen Juden gerichtet.

 Mit meinem Zweifel an den Inhalten der antideutschen Bewegung bin ich nicht alleine: Der linke Sozialwissenschaflter Gerhald Hanloser gab einen Sammelband mit dem Titel „Sie waren die antideutschesten der deutschen Linken“ einen Überblick über antideutsche Inhalte und Probleme, die aus diesen Haltungen resultieren. Demnach dient Israel häufig nur als Projektionsfläche und die bereits angesprochene Kapitalismusbejahung führt dazu, dass die Antideutschen teilweise eher zur bürgerlichen ‚Wertgemeinschaft‘ zurückkehren, weil sie wesentliche linke Kritikpunkte aufgeben.

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