Kürzlich lief der Spielfilm „Hungergames – Die Tribute von Panem“ mal wieder im Free-TV und das war für mich als erklärten Fan-Boy der Hungergames – Reihe natürlich Anlass genug, den verstaubten Fernseher mal wieder anzuwerfen.

Nicht nur ich bin begeistert von der Filmreihe: Weltweit spielten die vier Filme ca. 3 Milliarden US-Dollar ein – vom Erfolg der zugrundeliegenden Buchreihe von Suzanne Collins ganz zu schweigen. Aber was begeistert mich (und vielleicht auch andere) so sehr an einer actionlastigen Dystopie? Schließlich gibt es solche oder so ähnliche Geschichten haufenweise.

 

Betrachten wir die Grundstruktur. Held lehnt sich gegen die Gesellschaft auf – das kennen wir ja schon von Büchners „Woyzeck“, soweit nichts Neues. Hier handelt es sich aber um eine Heldin: Das bricht zumindest mit dem starren Muster, nach dem moderne Epen wie Harry Potter, Der Herr der Ringe oder Star Wars verfasst sind. Wir haben also eine Heldin, die sich gegen die Gesellschaft auflehnt.

 

Dazu kommt noch der dystopische Charakter der Geschichte. Aber eigentlich gibt es auch schon genug Dystopien. George Orwells „1981“ ist kaum zu überbieten, gleichzeitig sind andere aktuelle Filmreihen, die auch als Dystopien bezeichnet werden können (wie zum Beispiel die Divergent-Reihe) weniger erfolgreich.

 

Das Grundsetting ist also nicht besonders. Woher kommt aber dann meine Begeisterung?! Ich kann nur für mich sprechen und ich verstehe die Begeisterung anderer für die Filme oft nicht. Für mich sind die Bücher wie auch die Filme ein Spiegel der Wirklichkeit. „Das ist jetzt aber eine krasse These“ denkst du dir vielleicht. Ich möchte sie etwas ausführen.

Wir leben in einer Welt im Überfluss. Wir richten unsere Gedanken und unser Handeln nach Lapidarien aus, wir konsumieren so viel wir wollen, was wir nicht brauchen können landet im Müll, während anderswo Menschen an Hunger verrecken. Wir sind so in unserem Konsumismus gefangen, dass wir als Menschen nicht mehr genügen. Wir müssen uns neu erfinden, mit Fitnessstudio und Zumba Kurs, mit Markenkleidung und Creme für weiche Haut, mit neuen Schuhen von Primark. Und nicht umsonst verwechselt man so manches Supermodell versehentlich mit Effie Trinket. Und weil wir uns selbst nicht mehr genügen und wir Lapidarien hinterherrennen, ist uns auch ganz egal, wo unsere neuen Schuhe herkommen. Wenn Schuhe bei Primark einen Euro kosten und wir wissentlich in Kauf nehmen, dass an den meisten unserer Produkte Blut klebt – wo ist dann noch der große Unterschied?

 

Wir haben einen Distrikt 4, der für uns die Technik besorgt: In der chinesischen Firma FoxCON lassen die meisten großen Technikfirmen fertigen, daran haben auch die Skandale um die dortigen Bedingungen nichts geändert.

Wir haben einen Distrikt 11, der uns mit Nahrungsmitteln versorgt: In unserer Welt ist dieser vielleicht nicht konsequent zu lokalisieren. Aber wenn beispielsweise Bauern in Argentinien oder Afrika enteignet werden, weil die Fläche für den Sojaanbau für unsere Tiermast benötigt wird oder, wenn Nestle den ansässigen afrikanischen Völkern das Wasser abzieht und in kleine Plastikflaschen verpackt, dann sind es letztlich wir, die dieses Vorgehen mit unserem Konsum ermöglichen und unterstützten.

Wir haben einen Distrikt 12, der sich um Kohle und insbesondere Bodenschätze kümmert: Denn wenn Kinder in Burkina Faso in tiefe Schächte klettern, um Gold zu fördern – das ganze natürlich ohne Absicherungen und entgegen jeder Stabilitätskriterien der Schächte – dann interessiert uns das im Alltag doch auch nicht, solange das neue Iphone eine bessere Kamera hat als das Vorgängermodell.

 

Sicher, wir veranstalten keine Hungerspiele. Aber auch nur, weil diese nicht zu unserem Selbstverständnis als liberale, zivilisierte Bürger passt. Die „westlichen Werte“, Gleichheit, Freiheit, Solidarität, Toleranz, Würde des Menschen – all das ist die Schminke, die wir uns auf das Gesicht kleistern, damit wir unseren eigenen Anblick ertragen können.

Wir – und damit meine ich mich und dich, Deutschland, Europa, die USA, den „Westen“, seine Regierungen und insbesondere seine KonsumentInnen – Wir sind das Kapitol.

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