Petas Vergleich von industrieller Tierhaltung mit dem Holocaust stieß auf Empörung. Aber warum eigentlich?

Mit der Kampagne „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ erregte die Tierrechtsorganisation Peta viel aufsehen. In verschiedene Motiven und in Bezug auf verschiedene Zitate verglich Peta den Holocaust mit dem massenhaften und industriellen Töten von Tieren in der Massentierhaltung. Die Kampagne basiert nach Peta auf einer Aussage des jüdischen Schriftstellerst und Literaturnobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer: „Für Tiere sind alle Menschen Nazis“. Auch der deutsche Soziologe Theodor Adorno, der durch die kritische Aufarbeitung der gesellschaftlichen Hintergründe des dritten Reichs bekannt wurde, wird von Peta wie folgt zitiert: „Auschwitz fängt da an, wo einer im Schlachthaus steht und sagt, es sind ja nur Tiere“.

In Reaktion gab es verschiedene gerichtliche Klagen gegen die Kampagne, unter anderem 2004 vom Zentralrat der Juden, weil die Motive die Würde der Juden verletzten und das Schicksal der Holocaust-Opfer bagatellisierten. Der eurpäische Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg bestätigte diese Einschätzung im Jahr 2012 und stellte fest, dass es sich daher um eine notwendige Einschränkung der Meinungsfreiheit handele bzw. es sich aufgrund der Art des Urteils gar nicht um eine Einschränkung der Meinungsfreiheit handele. Besonders relevant, so stellte der europäische Menschenrechtsgerichtshof fest, sei in diesem Kontext die deutsche Vergangenheit und die daraus resultierende Pflicht, die in Deutschland lebenden Juden zu schützen, auch wenn in anderen Ländern in gleichen oder ähnlichen Fragen anders geurteilt wurde.

So viel zu den Hintergründen. Ich möchte im Weiteren die Argumentation von Peta betrachten und dafür argumentieren, dass es sich hier weder um eine Bagatellisierung, noch um eine Verletzung der Würde des Menschen handeln kann.

Die gerichtlichen Urteile können meiner Meinung nach nur daraus resultieren, dass die Argumentation Petas unzureichend nachvollzogen wurde. Peta ist eine Tierrechtsorganisation, die fordert, dass Tiere aufgrund ihres Status als empathische, intelligente und fühlende Lebewesen in gleicher Weise ein Recht auf Rechte haben, wie Menschen diese qua ihrer Menschlichkeit genießen. Diese Prämisse und die Analogie zwischen bedingungslosen Rechten von Mensch und Tier lässt sich vielleicht wie folgt formalisieren:

1) Menschen haben qua ihres Menschseins ein Recht auf die Einhaltung der Menschenrechte, darunter der Würde des Menschen und der Freiheit von Gewalt oder Zwang.

2) Tiere haben analog zu den Menschenrechten qua ihrer Empathie, ihres Intellekts und ihres Vermögens zur Wahrnehmung von Schmerz ein Recht auf Rechte, die ihr Leben und ihre körperliche Unversehrtheit sicherstellen.

Die Anwendung auf den Holocaust erfolgt im Anschluss: Wenn ein massenhafter und gezielt industrieller Rechtsbruch im Falle von Menschen ein abscheuliches Verbrechen darstellt, dann stellt ein massenhafter und industrieller Rechtsbrucht bei Tieren ebenso ein solches dar.

3) Der Holocaust ist ein abscheuliches Verbrechen, weil die Menschenrechte von vielen Menschen durch grausame und industrielle Art und Weise verletzt wurden.

4) Die industrielle Massentierhaltung ist ein abscheuliches Verbrechen, weil die Rechte der Tiere durch grausame und industrielle Art und Weise verletzt werden.

Es zeigt sich also, dass die Vergleichbarkeit von Holocaust und industrieller Massentierhaltung unter der Prämisse gegeben ist, dass Tiere analog zu Menschen bestimmte Rechte genießen, die ihre Würde, ihr Leben und ihre körperliche Unversehrtheit sicherstellen und somit Tiere und Menschen gleichwertig sind in diesem Punkt.

Ich wiederhole nocheinmal: Die Voraussetzung des Arguments ist, dass Tiere und Menschen gleichwertig sind und zwar auf dem Niveau der Menschenrechte. Wenn diese Voraussetzung nicht gegeben ist, macht die Argumentation Petas keinen Sinn.

In der Konsequenz kann man Peta weder vorwerfen, sie würden den Holocaust bagatellisieren, noch sie würden die Würde oder Menschenrechte der betroffenen Juden in Frage stellen. Denn das Argument basiert gerade darauf, dass der Holocaust ein abscheuliches Verbrechen ist und weiterhin auf der grundlegenden Annahme, dass Tiere und Menschen auf Niveau der Menschenrechte gleichwertig sind.

Erst wenn diese Prämisse nicht erfüllt wäre – wenn der Vergleich mit Tieren also erfolgen würde unter der Annahme, dass Tiere weniger Wert wären als Menschen – erst in diesem Fall würde es sich um eine Abwertung der betroffenen Menschen handeln. Dies erfolgt aber bei Peta gerade nicht.

Sicherlich ist die Haltung, dass Tiere weniger Wert sind als Menschen, gesellschaftlich weit verbreitet, aber Peta will mit besagter Kampagne ja gerade zeigen, dass diese Haltung falsch ist, in dem die Analogie zum Holocaust aufgebaut wird. Man kann diesen Vergleich natürlich dennoch für unangebracht oder geschmacklos halten, aber ich sehe durch die grundlegenden Annahme und Ziele der Kampagne keinen Grund, von einer Abwertung von Menschen oder Bagatellisierung des Holocausts zu sprechen.

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